Die Begegnung

Es geschah an einem heißen, stillen Sommertag, in einem Einkaufszentrum am Stadtrand. Hier verschwand ein Mensch spurlos, und was noch viel erschreckender war: er tat es freiwillig.

Niemand hatte etwas bemerkt, bei der Hitze hatten die Menschen auch besseres zu tun als auf ihre Mitmenschen zu achten. Auf dem ohnehin fast leeren Parkplatz des Einkaufszentrums eilte man vom klimatisierten Auto so schnell wie möglich in die Drogerie oder den Supermarkt. Dort genoss man kurz die angenehmen Temperaturen und fuhr ebenso schnell wieder zurück nach Hause.

Matthias Spick hingegen ließ sich Zeit mit dem Einkauf. Er hatte an diesem Samstag nämlich nichts zu tun, und nutzte den Einkauf als Pause von Fernseher und Internet. Er wohnte jetzt schon drei Monate hier in der schwäbischen Kleinstadt; doch Freunde oder Bekannte hatte er noch keine gefunden. Also verdiente er erstmal Geld, machte als 24-jähriger Berufsanfänger fleißig Überstunden und besuchte ein Fitnessstudio als einzige Freizeitbeschäftigung, doch dies ebenfalls unter dem Vorbehalt “wenn ich es schaffe”. Sein Leben bewertete er selbst zur Zeit als Mittelmaß, er merkte wie er mehr und mehr sich der Internetpornographie hingab, seinen Fantasien freien Lauf ließ, jedoch nie den Mut hatte etwas in die Realität umzusetzen.

So schlenderte er mit seinem Einkaufskorb, sozusagen seinem Single-Ausweis, durch die Reihen von EDEKA, ohne Einkaufsliste, ohne Ziel. Zum Wochenende fuhr er meistens zu den Eltern nach Hause, er hatte nie Kochen gelernt, und von seinem ordentlichen Einkommen hatte er seine Versorgung gänzlich den Lieferservices überlassen. Hier im Supermarkt konnte er wenigstens so tun, als führte er einen normalen Haushalt, und außerdem war es eine gute Alternative zu der Hitze vor der Tür. Das Thermometer war auf 38 Grad geklettert, und auf dem Fußweg zum Einkaufzentrum hatte er bereits sein dünnes T-shirt durchgeschwitzt. Darunter trug er nur Nylonshorts und Turnschuhe.

Er hatte gerade einen Vorrat an Spaghetti in sein Körbche gelegt und bog in Gedanken versunken um eine Ecke, als er mit einer anderen Kundin zusammenstieß. Instinktiv schloss er die Augen und verfluchte sich selber, war er sich doch bewusst, dass dieses Versehen seine Schuld war. Dann hörte er den hässlichen Aufprall von Gläsern auf dem Boden. Doch etwas an dem Zusammenprall war anders gewesen, irritierte Matthias: Er war mit dem Einkaufskorb vor sich in die Person hinein gelaufen und hatte das Material Leder auf der Haut gespürt. Er hätte dies nicht erwartet, nicht bei dieser Hitze.

Jetzt öffnete Matthias seine Augen und sah den Schlamassel vor sich. Auf dem Boden lagen einige aufgeplatzte Gläser mit Tomatensoße, dazwischen Obst und andere Artikel. Und dann sah er in die eisblauen Augen einer jungen Frau, die seine 1,60 Meter sicher um zwanzig Zentimeter überragte. Einer Frau mitte zwanzig, die anders war als alles was er hier in dieser Umgebung erwartet hatte. Sie trug schwarzes Leder von Kopf bis Fuß. Die Körpergröße unterstützt durch kniehohe 15cm Highheel-Schnürstiefel, darin eine enge, dünne Lederhose, die die muskulösen Beine umhüllte. Darüber trug sie eine langärmlige Lederbluse, deren Hemdkragen hoch zugeknöpft war, die aber gleichzeitig das weibliche Dekolleté betonte. Das ganze war perfektioniert von einem hauchdünnen Ledermantel auf dessen Rückseite der streng gebundene, blonde Pferdeschwanz fast bis zum Po hinab hing. Selbst die Hände steckten in edlen schwarzen Handschuhen, die kurz vor den Manschetten der Bluse abschlossen.

Matthias wurde schwindelig. Er war in den letzten drei Monaten keinem Menschen so nahe gekommen, hatte keinerlei außerberufliche Kontakte. Und dann stieß er hier mit einer Person zusammen die einen perfekten Körper und eine unglaublich anziehende Ausstrahlung hatte und blamierte sich vollständig. Ohne zu denken was jetzt eine sinnvolle Reaktion wäre, ging er schon leicht in die Knie, fing an zu stammeln “Ent-“, ..”Entschuldigen Sie bitte…” aber konnte sich selber nicht entscheiden welches Verhalten nun angemessen wäre. Die Dame schaute sich die traurige Gestalt vor sich noch ein wenig an, sezierte ihn geradezu mit ihren Blicken. Matthias sah Zorn in den Augen aufsteigen, und wurde gerade zu erlöst als sie endlich etwas sagte.

“Entschuldigung angenommen. Hebe sofort die Sachen auf und wisch’ das weg! ”

Zufrieden sah sie, wie er erlöst lächelte und tatsächlich auf die Knie ging um die Sachen aufzuheben. Als er die wenigen Gegenstände wieder in den Einkaufskorb befördert und ihr hinaufgereicht hatte, sagte sie nichts. Er sah lediglich ein spöttisches Lächeln, dann drehte sie sich um, der Ledermantel berührte kurz seine Wange und sie Verschwand hinter dem nächsten Gang.

Diese Begegnung hatte etwas in Matthias ausgelöst. Hastig besorgte er sich einen Lappen, musste die Mitarbeitern des Supermarkts geradezu überreden, dass er die Soße selber aufwischen könnte. Ihm war vollkommen klar, dass er gerade der Anweisung einer Person Folge leistete, die ihn gar nicht mehr sehen konnte und die ihn sicher bereits vergessen hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich über sein unterwürfiges Verhalten geradezu amüsiert. Aber die Dominanz dieser Frau war einzigartig. Trotz der Hitze wählte sie ein Outfit, dass ihre Erscheinung perfektionierte – Leder. Immer noch hörte er das Geräusch der Absätze, als sie sich langsam entfernt hatte, verglich ihre Eleganz mit dem alltäglichen Mittelmaß der anderen Kunden. Doch da war auch etwas anderes, die Selbstverständlichkeit wie sie ihn geduzt hatte, wie sie ihm ein knappes Kommando gab, und auch dieser prüfende Blick. All dass hatte ihm einen Befehl ins Gehirn gepflanzt, den sie nie aussprechen musste: “Folge mir!”.

Er musste diese Frau wiedersehen. Sein Job, sein Alltag, seine Umgebung: All das hatte er gerade vergessen. Er wollte nur so schnell wie möglich aus dem Laden raus und diese Dame wiedersehen!

Als er gerade bezahlt hatte, verfluchte er sich bereits, denn er hätte seinen Korb einfach stehen lassen können um Zeit zu sparen. Schnell lief er hinaus auf den Parkplatz. Doch sie war vom Erdboden verschwunden. Nirgends war die Perfektion in schwarzem Leder zu sehen – ihm war die Chance entgangen.

Es war eine verpasste Chance, mehr über sie zu erfahren, wieder ihr makelloses Gesicht zu sehen. Schnell lief er um das Einkaufszentrum herum, und sah am anderen Ende des Parkplatzes ein einzelnes Fahrzeug stehen.

Ein pechschwarzer SUV.

Er ahnte, hoffte, wem dieser Wagen gehören könnte und sah beim näherkommen die schwarzen Seitenscheiben und die offene Heckklappe. Von der Frau war nichts zu sehen, doch als seine Beine ihn, wie von einem Magneten gezogen, auf wenige Meter heranbrachten, hörte er den starken Klang eines V8-Motors und den kühlen Hauch einer auf Hochtouren laufenden Klimaanlage. Er sah eine Person am Steuer des Wagens, doch sie drehte sich nicht nach ihm um.

Jetzt stand Matthias im Schatten der riesigen Heckklappe, in seiner linken Hand sein lächerliches Einkaufskörbchen. Ein Märchen ging ihm durch den Kopf – war er das Rotkäppchen und sie die böse Wölfin?

Im Kofferraum erblickte er ihren Mantel, sorgsam zusammengefaltet. Daneben ein Käfig zum Transport großer Hunde, wie man sie öfters auf Parkplätzen am Stadtrand erblicken kann. Der Käfig war von innen schwarz ausgekleidet und auch seine Tür stand offen. Auf dem Mantel lag ein Zettel, auf dem wenige Worte standen.

“Wenn du dich wirklich entschuldigen willst – Wirf’ deine Einkäufe in den Mülleimer und klettere Kopf voran in den Käfig und schließe die Tür. Alles weitere überlasse mir. Falls du das nicht möchtest, schließe den Kofferraum und verschwinde! gezeichnet P.”

Er zögerte kurz, nur einen Augenblick. Er sah wieder ihren einzigartigen Blick, sah die einzigartige Chance. Sie würde ihm ihre Welt zeigen. Es war Samstag und er hatte ohnehin nichts vor. Sein Handy lag zu Hause, niemand würde stören.

Er stellte sein Einkaufskörbchen unter den Mülleimer, rechts neben den SUV. Ein schneller Blick nach links und rechts, niemand sah diese gut gewählte Parkbucht. Matthias kniete nun auf der Ladefläche, kroch nach vorne in die Umhüllung des Eisens. Er schloss die Käfigtür von innen, sah nun in die Finsternis.

Er hörte die Autotür, hörte die Stiefel auf dem Beton. Es gab eine Pause, sicher zwei Minuten. Seine Gedanken rasten. “Sie lässt mir eine Chance den Schwanz einzuziehen, ich kann mich noch umentscheiden, ich kann mich noch…”

“Klick”. Sie hatte laut und vernehmlich ein Schloss an der Tür angebracht. Der Kofferraum fiel ins Schloss und der Motor rumorte.

Die Fahrt ins Verschwinden hatte begonnen.

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